Aus der Geschichte des Knappenvereins "Glück Auf"  Colonie Königsborn 1893

Mit dem allgemeinen (preußischen) Berggesetz vom 25.06.1865 wurde das Direktionsprinzip (Bergwerke unter staatlicher Leitung) abgeschafft und durch das Inspektionsprinzip (keine wirtschaftliche und technische Leitung der Bergwerke durch den Staat) ersetzt. Damit wurde nun endgültig die Marktwirtschaft im Bergbau eingeführt. Aus den ehemals privilegierten Bergknappen sind nun Bergarbeiter geworden. Viele der Bergarbeiter gerieten durch die niedrigen Löhne in wirtschaftliche Not, denn Industriearbeit war zu dieser Zeit eine Form von Lohnsklaverei.

Da von staatlicher Seite Bergarbeiterorganisationen noch nicht genehmigt wurden, waren die Knappenvereine die einzige Möglichkeit sich zu organisieren. Bis zur Jahrhundertwende und darüber hinaus wurden auch deshalb Hunderte neue Knappenvereine gegründet.

*************************

 Der Industrielle Friedrich Grillo erwarb 1871 für 300.000 Taler vom preußischen Bergfiskus die Saline und das Bad Königsborn mit den Steinkohlefeldern und gründete 1873 die Gesellschaft Königsborn. Im folgenden Jahr, am 28.06.1874, wurde mit dem Abteufen des Schachtes "Königsborn 1" begonnen. Nach Fertigstellung des Schachtes und der Tagesanlagen konnte die Produktion (Kohlenförderung) im Jahr 1881 auf der 2. Sohle in 359 m Teufe (Tiefe) aufgenommen werden. Zu dieser Zeit hatte Königsborn 1200 Einwohner. Die neue Zeche verlangte nach Arbeitskräften, die die Region um Königsborn nicht stellen konnte. So zogen viele Menschen aus Polen, Ostpreußen, Schlesien und Niedersachsen nach Königsborn, um auf der neuen Zeche zu arbeiten. Die Einwohnerzahl betrug im Jahr 1895 deshalb schon 2878 Einwohner.

*************************+    

 Einen Knappenverein gab es zu dieser Zeit noch nicht in Königsborn. Es ging dann aber relativ schnell, denn an einem Sonntag im November 1892 trafen sich mehrere Kumpel der Zeche Königsborn 1 zur Gründung eines Knappenunterstützungs - und Sterbevereins. Im August 1893 gründeten dann                         32 Bergknappen im Lokal von Wilhelm Drücke in der Hermannstraße den Knappenverein "Glück Auf" Colonie Königsborn. Leider sind sämtliche Unterlagen aus dieser Zeit nicht mehr vorhanden. Bei einer der ersten Versammlungen nach dem 2. Weltkrieg musste man leider feststellen, dass sämtliches Vereinsinventar, sowie alle Unterlagen aus der Vorkriegszeit nicht mehr vorhanden waren.

Der Knappenverein bot den Bergleuten und Ihren Familien Geselligkeit und Unterstützung in Notlagen und engagierte sich für die Integration der zugewanderten Arbeitskräfte. Neben der Pflege des bergmännischen Brauchtums hatte sich der Verein bei seiner Gründung für die Unterstützung von kranken Bergleuten eingesetzt, die ab dem vierten Krankheitstag 50 Pfennig pro Tag erhielten.

  Am 27.08.1893 weihte der Verein zum ersten Stiftungsfest seine erste Fahne, mit der jedes Mitglied, den der Tod aus den Reihen des Vereins gerissen hatte, zu Grabe getragen wurde. 

Flyer für die Fahnenweihe der ersten Vereinsfahne am 27.08.1893

Erste Vereinsfahne aus dem Jahr 1893 (Stadtarchiv Unna)

Zweite Vereinsfahne, gestiftet im  Jahr 1591

           Die Ehrentafel zeigt die Mitglieder des Knappenvereins "Glück Auf" Colonie Königsborn 1893

           25jähriges Jubiläum des Knappenvereins "Glück Auf" Colonie Königsborn                                                         im Jahre 1918            (Foto: Stadtarchiv Unna)

                                Zeche Königsborn Schacht 1  um 1900        -Foto anklicken- (https://www.ruhrzechenaus.de/unna/un-koenigsborn.html)

Gaststätte von Wilhelm Drücke in der Hermannstraße in Königsborn. In den Jahren 1944/45 komplett zerstört.


Um dem Verein auch nach außen hin ein geschlossenes und einheitliches Bild zu geben, wurde beschlossen, einheitliche Vereinsmützen (Bergmannsmütze) anzuschaffen. Es wurde auch auf strikte Vereinsdisziplin geachtet. Wenn ein Mitglied zum Beispiel 3 Monate trotz Mahnung den Beitrag nicht entrichtete, musste es mit Ausschluss rechnen. Wer bei Vereinsfesten oder Versammlungen ohne seine Bergmannsmütze erschien, zahlte 10 Pfenning in die Vereinskasse. In einer der ersten Versammlungen nach Gründung des Vereins wurde einstimmig beschlossen, dass auch Ausländer "mit einer guten Führung und einem ehrlichen Lebenswandel" in den Verein aufgenommen wurden. Damals wurde noch über jede Neuaufnahme im Vorstand abgestimmt.                            

Im Jahre 1913 zahlten die Mitglieder einen Monatsbeitrag von 1. Mark (das entspricht heute einer Kaufkraft von 4,60 Euro), bei einem Schichtlohn von 5,33 Mark. Die Beitragshöhe konnte allerdings über Jahre stabil gehalten werden.

 In den Versammlungen besprach man alles was den Kameraden am Herzen lag. Mit vereinten Kräften wurde dann versucht notleidenden Kameraden und ihren Familien zu helfen.

Durch das Feiern von Festen und Familienausflügen oder auch anderen freizeitlichen Zusammenkünften spendete der Verein seinen Mitgliedern viele Stunden der Freude aber auch Entspannung von der harten Arbeit unter Tage. In dieser Hinsicht arbeitete der Knappenverein "Glück Auf" Colonie Königsborn gut mit der Betriebsleitung und der Verwaltung der Zeche Königsborn zusammen.  

       In den nachfolgenden Jahren stieg die Mitgliederzahl stetig an. Waren es im Dezember 1893 noch 146 Mitglieder, erreichte sie im Jahre 1901 einen Höchststand mit 233 Mitgliedern. 

Die Kriegsjahre des 1. Weltkriegs überstand der Verein trotz aller Schwierigkeiten und konnte sogar seine Aufgaben, getreu der Satzung, einigermaßen erfüllen. In dieser schweren Zeit fiel auch im letzten Kriegsjahr das 25jährige Vereinsjubiläum, das aber aufgrund der allgemeinen Kriegslage nicht gefeiert wurde. 

In der Nachkriegszeit wurde die Situation des Vereins durch die Inflation von 1923 aber noch bedrohlicher. Hier waren besondere Anstrengungen nötig, um die sozialen Aufgaben des Vereins überhaupt weiterzuführen. Nach Einführung der Rentenmark und der Stabilisierung der Währungsverhältnisse konnte sich das Vereinsleben wieder normalisieren. Nach einigen Vorgesprächen mit den Brudervereinen bildete sich dann am 24.05.1926 auf der Gründungsversammlung der Knappenbund des Kreises Unna. Der Knappenverein "Glück Auf" Colonie Königsborn war einer der Gründungsvereine.

Arbeitslohn in Form von Brotmarken

Knappenbund Kreis Unna

Die Jahre von 1933 bis 1945 überstand der Verein trotz aller Schwierigkeiten. Natürlich versuchten die Nationalsozialisten auch in Königsborn schnell das öffentliche Leben zu kontrollieren. So wurde der Verein zwar nicht direkt verboten, aber es wurde immer wieder versucht, den Verein für ihre Zwecke zu missbrauchen. 

In den Wirren des 2. Weltkrieges konnte der Verein auf 50 Jahre seit seiner Gründung 1893 zurückblicken. Dieses Vereinsjubiläum wurde aber aufgrund der schweren Kriegslage nicht begangen. 

Festschrift 60jähriges Vereinsjubiläum

Festschrift 65jähriges Vereinsjubiläum

Festschrift 95jähriges Vereinsjubiläum

Festschrift 100jähriges Vereinsjubiläum


Nach dem Ende des 2. Weltkriegs nahm der Knappenverein schon früh unter dem damaligen  Vorsitzenden Karl Uffelmann seine Arbeit wieder auf.

Höhepunkte im Leben des Vereins waren in der darauf folgenden Zeit stets die Stiftungsfeste, besonders in Erinnerung blieben aber die Jubiläumfeste von 1953 (60 Jahre), 1958 (65 Jahre), 1988 (95 Jahre), 1993 (100 Jahre) und auch 2013 (120 Jahre).

Im Jahre 1951 wurde dann eine 2. Vereinsfahne geweiht.

65 Jahr-Feier vom  07.06.-08.06.1958

                     Der Vorstand 1988; Ehrenvorsitzender Otto Neumann,                                    1. Vorsitzender Heinz Knies, 2. Vorsitzender Karl-Heinz Fuchs,                        1. Schriftführer Manfred Kleinewächter, 2. Schriftführer Erich Scholle,        1. Kassierer Walter Pude, 2. Kassierer Ernst Reinert

Kranzniederlegung auf der Hundertjahrfeier 1993

Die Bergleute wurden oft wegen ihrer Hilfsbereitschaft belächelt. Die Zusammengehörigkeit wie sie unter Bergleuten gepflegt wird, findet man anderswo nur selten. In Krankheit und Notfällen haben sich die Knappen schon zu Zeiten der Vereinsgründung gegenseitig unterstützt. Vom Sozialstaat war man um 1893 noch weit entfernt. Der Knappenverein ist ein Beispiel für aktiv gelebte Solidarität, auch heute noch.
Der Knappenverein "Glück Auf" Colonie Königsborn 1893 steht heute vor großen Herausforderungen. 
Kein Steinkohlenbergbau, keine Kumpel - keine Mitglieder? 

Im Jahre 1972 hatte der Verein noch 135 Mitglieder, Anfang 2019 nur noch 5 Mitglieder. Im Juli 2019 stellte sich der Knappenverein neu auf und hat zur Zeit wieder 29 Mitglieder. Der Altersdurchschnitt liegt zurzeit bei über 63 Jahren.

Jeder, der sich mit dem Bergbau und seinen Traditionen verbunden fühlt, kann Mitglied werden im Knappenverein "Glück Auf" Colonie Königsborn 1893